Quelle: Ubisoft

Mannomann, das neue Anno! Nach gut dreieinhalb Jahren, seit dem letzten Teil der Reihe, Anno 2205, welches in ferner Zukunft angesiedelt ist, kehrt man mit Anno 1800 im wahrsten Sinne des Wortes zurück zum Ursprung. In vielerlei Hinsicht. Ob es die wahre Revolution oder doch nur heiße Luft ist, klären wir hier in der Review.

Quelle: Ubisoft

Ich muss zugeben: Ich bin ein wenig voreingenommen mit der Anno-Reihe. Seit jungen Jahren verfolge ich diese Reihe aus österreichischen und deutschen Landen bereits, angefangen mit Anno 1602. Stets habe ich jeden Teil sehr ausführlich gespielt und zusammen mit Frillock habe ich in Anno 2070 mehrere hundert Stunden damit verbracht, immer effizienter unsere Inseln aufzubauen und unsere Handelsrouten zu optimieren. Das waren schöne Zeiten. Ich denke Frillock wird mir da zu stimmen.

Sagte ich, dass ich jeden Teil gespielt habe? Nun, das stimmt nicht ganz. Denn Anno 2205, der bis dato letzte Teil der Reihe, ist für mich ein rotes Tuch. Keine kleinen Inseln, keine expandierenen NPCs, keine Items und die komplette Karte war von Anfang an aufgedeckt. Von der Mondbasis will ich garnicht erst anfangen. Nicht mit mir. Das war nicht mehr mein Anno, so wie ich es kannte. 2205 hätte also niemals für mich der beste Teil werden können. Dieser ist für mich immer noch Anno 1701. Warum? Weil es Sky du Mont so “schön” beworben hat.

Naja, nicht nur wegen Sky du Mont, sondern auch wegen des nahezu perfekten Reboots der Reihe, welches 2006 von Related Designs gemacht wurde, nachdem Max Designs und Sunflowers die Serie mit Anno 1503 zu komplex gestaltet hatten und damit viele Serienfans verärgert hatte. Dies hatte zur Folge, dass Related Designs die Anno-Serie von da an übernahm.

Anno 1701 hatte alles, um ein Hit zu werden: Eine wunderschöne Grafik, welches die Städte mit deren Einwohnern und die Meere lebendig darstellte, eine simple Oberfläche, die nach kurzer Eingewöhnungszeit schnell von der Hand ging und man dadurch schnell und einfach tolle Städte aufbauen konnte und nicht zuletzt der tolle Multiplayer-Modus, der eine wirkliche Revolution in der Anno-Reihe war, zuvor gab es in der Serie nur durch inoffizielle Möglichkeiten mehr schlecht als Recht einen Multiplayer-Modus.

Jedes darauffolgende Anno-Spiel musste sich also an Anno 1701 messen. Und so kommen wir auch endlich zu Anno 1800.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Anno 1800 hat die “Hürde 1701” mit Bravour übersprungen. Ich bin völlig begeistert vom neusten Teil der Mainzer Entwickler Blue Byte.

Aller Anfang ist wie immer, nur anders

Quelle: Ubisoft

Fangen wir mit der Kernkompetenz eines Anno-Spiels an: Dem Aufbau der eigenen Stadt. Wenn man bereits die Vorgänger gespielt hat, der wird sich in Anno 1800 direkt wohl fühlen. Zunächst errichten wir ein Marktplatz und setzen die ersten Bretterbuden um unseren Marktplatz herum. Dadurch werden die ersten Bedürfnisse bei unseren Bürgern laut. Es fängt mit simplen Dingen wie Fische oder Schnaps an, wird aber immer schwieriger, je größer unsere Bevölkerung wächst. Schon zu Anfang finden wir die erste kleine Neuerung, die das Spielgefühl aber deutlich beeinflusst: Der Blaupausen-Modus. Dieser erlaubt es, in der Spielwelt Blaupausen von Gebäuden oder Wegen zu platzieren, um den Ausbau der Stadt voranzubringen, ohne dabei eine einzige Ressource auszugeben. Wenn es dann soweit ist und man mit der geplanten Erweiterung beginnen möchte, klickt man simpel auf die Blaupause und kauft das Gebäude direkt, so wie es geplant wurde. Dies motiviert und erleichtert das Erweitern meiner Stadt enorm.

Hat man dann seine kleine Ortschaft aufgebaut und möchte sich anschließend um die Bedürfnisse um seine Bürger kümmern, baut man wie in den Vorgängern auch, Gebäude, welche Ressourcen für mich erstellen und weiter verarbeiten. Dies ist aber nicht mehr so einfach wie in den vorherigen Teilen. Musste man in den vorherigen Teilen nur darauf achten, dass die bei den Produktionsgebäuden enstehenden Kosten nicht die Bilanz zerschießt, so muss man bei Anno 1800 auch darauf achten, dass genug Arbeitskraft zur Verfügung steht. Ist diese nicht vorhanden, sinkt die Produktivität und das Gebäude erzeugt die benötigten Ressourcen langsamer. Dies gibt einen zusätzlichen Aspekt ins Spiel, worauf wir achten müssen.

Damit nicht genug, in Anno 1800 müssen wir bei späteren Aufstiegen der Bürger auch darauf achten, die richtige Balance aus den verschiedenen Schichten zu schaffen. So werden mit fortgeschrittenen Bürgern auch komplexere Produktionsketten freigeschaltet. Doch um auch alle Gebäude effizient zu betreiben, brauchen wir nicht nur Bürger der aktuellen Stufe, auch aus vorhergehenden Stufen werden Arbeitskräfte benötigt, damit die Kette aus Gebäuden effizient produzieren kann. Und sollte die Produktion immer noch zu langsam gehen, kann man die Produktionsgeschwindigkeit um bis zu 50 Prozent erhöhen. Auf Kosten der Laune des Arbeiters. Dies kann bis zum Streik der Bevölkerung führen.

Insgesamt gibt es fünf verschiedene Bürgerstufen, vom einfachen Bauern bis zum Investor sind alle Schichten von Bevölkerung dabei. Diese bringen jeweils ihre eigenen Bedürfnisse mit. Mit der neuen Region, die im Laufe des Spiels bereist wird, kommen zwei neue Stufen hinzu.

Extrablatt! Extrablatt!

Quelle: Ubisoft

Nach einer Weile erwartet uns dann die nächste Neuerung in Anno 1800, die Zeitung “Anno Chronicles”. Diese listet mehrere Artikel auf dem Titelblatt auf, die sich auf die Bevölkerung sowohl positiv als auch negativ beeinflussen können, jenachdem wie wir zu diesem Zeitpunkt gespielt haben oder was in der Zeit passiert ist. Haben wir zum Beispiel eine neue Insel besiedelt, wird dies positiv in der Zeitung erwähnt und die Stimmung der Bürger wird besser. Ist aber eine Ressource gerade Mangelware, wird das ebenfalls erwähnt und wirkt sich negativ auf die Produktion aus.

Gefallen uns die Nachrichten nicht, können wir sie auch mithilfe der neuen Ressource Einfluss auch ändern. Aber der Einfluss kann auch viel mehr: So können wir die Produktion durch Einfluss steigern oder das Produktionslimit von Gebäuden oder Schiffen erhöhen. Einfluss erlangen wir durch den Wachstum unserer Inseln. Wir können damit öffentliche Gebäude, wie beispielsweise den Zoo erweitern und dadurch unsere Attraktivität der Insel zu erhöhen. Viele Module des Zoos sind auch ohne Einfluss möglich, aber will man noch größer mit den Zoo werden, so muss Einfluss benutzt werden.

Aber Attraktivität erhöhen, wozu denn das? Das ist ebenfalls neu in Anno 1800: Deine Stadt wird nun nach seinem Erscheinungsbild bewertet. Dies bringt mir im besten Fall viele Touristen und unter denen können sich Spezialisten befinden, die Aspekte der eigenen Stadt verbessern können.

 

Die Attraktivität setzt sich aus sechs Gesamtkategorien zusammen, welche sich jeweils auch drei positiven und drei negativen Kategorien zusammensetzt: Kultur, Natur, Feierlichkeiten, Geschmacklosigkeit, Verschmutzung und Unsicherheit.

Wie im Paradies

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Irgendwann ist es dann soweit und wir wechseln mithilfe einer abgeschlossenen Expedition wie aus den Vorgängern bekannt, den Ort des Geschehens. In Anno 1800 ist es Südamerika. Dies erfolgt über die Weltkarte fast unmittelbar. Von nun an muss man sich um zwei Welten kümmern, welche auch verschiedene Anforderungen haben. Ab der dritten Bevökerungsstufe, dem Handwerker, ist es sogar von Nöten. Denn dieser fordert Waren, die nur in Südamerika produziert werden können, wie etwa Baumwolle, Bananen oder auch Öl. Wozu das Öl wichtig ist, dazu später mehr.

Apropos Paradies: Wie ist denn nun die Grafik von Anno 1800? Nun, Schlichtweg atemberaubend. Warum? Weil es mit seinen Details nur so strotzt. An jeder Ecke seines selbstgebauten Reichs herrscht stetig Bewegung, egal ob von den Bewohnern oder der Stadt selbst. Kleine Details wie die Weizenfelder, welche im Wind wehen oder die Straßen, wo sich stets Menschen oder Marktkarren hindurchbewegen, lässt Anno 1800 die Stadt lebendig wirken. Auch außerhalb eurer Stadt merkt man die Liebe zum Detail. Etwa in den schön modellierten Wäldern, wo wilde Tiere umherstreifen oder das Meer, welches mit seiner beeindrucken Wellenphysik den Eindruck verschafft, dass das echtes Wasser sein könnte. Auch manche Meeresbewohner bekommen wir gelegentlich zu Gesicht. Der generelle Texturdetail lässt sich auch auf niedrigeren Einstellungen sehen. Zwar haben wir dann nicht mehr klar detallierte Gebäude oder Schiffe, bei schwächeren PCs ist das aber ein guter Kompromiss.

Quelle: Anno-Union.com

Mit Volldampf in die Zukunft

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Irgendwann, wenn unsere kleine ländliche Stadt zum großen Industriestandort gewachsen ist, kommt eine neuer Kniff mit ins Spiel: Die Elektrizität. Haben wir unseren Industriezweig in der Stadt gut aufgebaut, gilt es jetzt nun diesen zu verbessern. Dies geschiet durch Kraftwerke, die unsere Gebäude mit Strom versorgen. Dies hat den Vorteil, dass sich die Effizienz der Gebäude erhöht, was widerrum zu erhöhten Produktion unserer Industrie führt. Doch dies hat einen hohen Preis.

 

Zunächst wird die wertvolle Ressource Öl benötigt, welche, wie schon erwähnt, aus Südamerika importiert werden muss. So müssen Öltürme errichtet werden, die das Ölvorkommen anzapfen. Dies wird dann mit euren Schiff in die alte Welt befördert und dann in der Stadt abgeladen. Aber wie kommt das wertvolle Öl nun in die Kraftwerke? Nun, hier wird das lebendige gegen ein eisernes Pferd ausgetauscht: Die Eisenbahn.

Doch keine Sorge, um ein funktionierendes Schienensystem zu etablieren, muss nicht wieder die halbe Stadt abgerissen werden. Die Bahnschienen können im bestehenden Stadtsystem integriert werden. So kann man beispielsweise die Bahnschienen einfach mit normalen Wegen kreuzen.

Mit Freunden ist es immer schön

Quelle: Ubisoft

Anno 1800 bietet neben der Kampagne auch einen Multiplayer, welcher im Test tadellos funktionierte. Bis zu 4 Spieler können die neue Welt bereisen und besiedeln undzwar ohne Einschränkung gegenüber dem Singleplayer. Und wenn mal keine Freunde zur Verfügung stehen, so kann man auch gut mit den KI-Spielern klarkommen. Diese haben zwar nicht durch ihre überragende künstliche Intelligenz während des Spiels geglänzt, sind aber auch keine Vollkatastrophe, die das Spielerlebnis trüben. Wenn man die Wahl hat, sollte man aber jederzeit auf menschlische Spieler zurückgreifen.

Möchte man eine Mischung aus beiden haben, so kann man sich auch Piraten ins Spiel holen, welche stets eine Bedrohung auf hoher See ist. Diese sind in der Schwerigkeit einstellbar und stellen auf der höchsten Stufe eine Herausforderung dar, ohne dabei aber penetrant nervig zu wirken.

Die Kampagne bietet einen interessanten Storymodus, der im Grunde das normale Anno-Spielerlebnis mit einer Geschichte verbindet. Zu Anfang erfährt man von seiner Schwester Hannah, dass euer Vater verstorben ist und reist mit seinem Weggefährten Aarhant von Südamerika zurück in die alte Welt. Dort angekommen, erfahrt ihr, dass ihr um euer Erbe gebracht wurdet, welcher sich euer Onkel nun unter den Nagel gerissen hat. Eure Aufgabe ist es nun, auf einer nahegelegenden Insel euer neues Reich aufzubauen und die mysteriösen Umstände um den Tod eures Vaters aufzuklären.

Die Kampagne dient im weitesten Sinne als erweitertes Tutorial mit einer schönen Rahmenhandlung. Sie ist in mehreren Missionen aufgeteilt. Doch keine Angst: Euer aufgebautes Reich bleibt stehts nach Beendigung einer Mission vorhanden, sodass ihr nicht immer eine neue Stadt hochziehen müsst.

Insgesamt eine schöne Idee, um Neueinsteiger in Anno 1800 einzuführen. Für erfahrende Spieler könnte jedoch nur die Rahmenhandlung interssant sein, das Spielerlebnis ändert sich nicht großartig zum eigentlichen Sandbox-Spiel.

Überblick der Rezensionen
Gesamtfazit
90 %
Ich bin leidenschaftlicher Gamer, Fußballfan (nur der FCSP!) und Strippenzieher, wortwörtlich..